Vinayaka Pandit, Head of Analytics and HR bei VEDRA Pensions
1. Warum ist das Thema betriebliche Altersvorsorge (bAV) aus Ihrer Sicht gerade jetzt so relevant und welche aktuellen Veränderungen machen es besonders interessant?
Man hört es ja öfter: Aufgrund der demografischen Entwicklung sinkt das Rentenniveau in der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung bzw. es kann nur durch steigende Steuerzuschüsse aufrechterhalten werden. Dadurch kommt der betrieblichen Altersvorsorge eine immer wichtigere Rolle zu. Dass der Gesetzgeber dies zumindest grundsätzlich erkannt hat, ist auch an der seit seiner Einführung 1974 insgesamt immer höher werdenden Frequenz von Anpassungen und Ergänzungen des Betriebsrentengesetzes gut zu erkennen.
Bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern scheint noch kein großes Umdenken stattgefunden zu haben. So hat sich etwa die 2018 neu geschaffene reine Beitragszusage im deutschen bAV-Markt, also eine betriebliche Altersversorgungszusage ohne Zinsgarantie, die sich für den Arbeitgeber in der Regel weitaus kostengünstiger und einfacher zu administrieren gestaltet als die traditionellen leistungsorientierten Versorgungssysteme, noch nicht weit verbreitet. Dies liegt wohl an dem Widerstand auf allen Seiten, einem vermeintlich sicheren, aber eben auch teuren, Produkt den Rücken zu kehren zugunsten eines kostengünstigeren, aber eben risikoreicheren. Dabei würde die reine Beitragszusage Arbeitnehmer auch Chancen auf nicht gedeckelte Erträge bieten, die bei bisherigen Zusagen in der Regel fix so noch nicht möglich sind. Ob dieser Paradigmenwechsel tatsächlich vollzogen wird, ist für mich eine der spannendsten Fragen im Bereich der betrieblichen Altersversorgung in den nächsten Jahren.
Für mich spielt darüber hinaus auch eine große Rolle, ob die Verschlankung der derzeit recht komplexen bAV-Landschaft mit ihren fünf Durchführungswegen angegangen wird. Diese unterliegen zwar unterschiedlichen bilanziellen und steuerrechtlichen Vorschriften, unterscheiden sich in der Ausgestaltung der einzelnen Produkte aus meiner Sicht aber nicht so wesentlich, dass dieses Dickicht an Optionen und Regelungen insbesondere für Unternehmen gerechtfertigt wäre. Mehr Einfachheit würde den Zugang zur Materie erleichtern und auf allen Seiten mehr Vertrauen schaffen.
2. Vor etwa 20 Jahren haben Sie erstmals zum Thema Rentnergesellschaft beraten. Hat sich der Markt so entwickelt, wie Sie es damals erwartet oder gar prognostiziert haben oder gab es Überraschungen?
Zu der Zeit gab es in Deutschland keinen wesentlichen Markt für den Pension Buy-out. Von einigen Versicherern wurde eine sogenannte Liquidations-Direktversicherung angeboten. Wie der Name sagt, zielte diese Lösung originär darauf ab, ein Unternehmen ohne Geschäftstätigkeit durch Übertragung der verbliebenen Pensionsverpflichtungen liquidieren zu können. Zusammen mit einem vorgelagerten umwandlungsrechtlichen Vorgang war es zwar möglich, eine rechtliche Enthaftung zu erzielen, so wie das der heutige Pension Buy-out gewährleistet. Allerdings war diese Lösung aufgrund der sehr konservativen Annahmen, mit denen die Versicherungswirtschaft gemäß gesetzlichen Vorgaben rechnet, preislich nicht sehr attraktiv. Transaktionen der Art gab es im Markt sehr, sehr wenige. Ich sah keinen Anlass, ein Wachstum in diesem Marktsegment zu prognostizieren.
Erst als die Zinsen aufgrund der EZB-Politik Mitte der 2010er Jahre zu sinken begannen, änderte sich die Lage wesentlich. Der starke Anstieg der sehr zinssensiblen Pensionsverpflichtungen machte Unternehmen deutlich, dass sie neben ihrem originären Geschäft aufgrund der in vielen Fällen ungedeckten Pensionszusagen zusätzlich eine Art Lebensversicherungsgeschäft für die eigenen aktiven und ehemaligen Mitarbeiter betreiben. Gleichzeitig hat diese Phase die Schaffung eines Pension-Buy-out Markts gefördert, da die am Bond-Markt beobachteten niedrigen Renditen, die der Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen zu Grunde liegen, mit einer angemessenen Asset-Allokation übertroffen werden konnten. Dadurch wurden Dienstleister zur Entwicklung innovativer Produkte ermutigt, die preislich oftmals unterhalb der bilanzierten Pensionsrückstellung lagen. Diese Produkte ermöglichen bis heute je nach Ausgestaltung oftmals eine Auslagerung ohne wesentlichen Bilanzverlust für das abgebende Unternehmen.
3. In Ländern wie den USA, Kanada und Großbritannien sind Risikotransfers von Pensionen ein etabliertes Instrument mit gut belegten strategischen Vorteilen. Warum werden diese in Deutschland Ihrer Meinung nach noch nicht stärker genutzt? Welche Herausforderungen oder Fragestellungen sind Ihnen in Ihrer Beratungstätigkeit zu diesem Thema bisher begegnet?
Das hat aus meiner Sicht regulatorische und kulturelle Gründe. Einerseits arbeitet die unter Aufsicht der BaFin stehende Versicherungswirtschaft mit wesentlich konservativeren Vorgaben bezüglich Sterblichkeit und Rechnungszins als dies bei der Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen von Unternehmen verlangt wird, was den Preis einer Auslagerung auf einen Versicherer oder Pensionsfonds im Prinzip erhöht.
Darüber hinaus spielt die in Deutschland historisch verankerte Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gegenüber dem Arbeitnehmer eine wichtige Rolle. Aus dieser resultiert zum einen die „Subsidiärhaftung“, also der Sachverhalt, dass ein Unternehmen bei Ausfall des gewählten externen Trägers für die übertragene Verpflichtung wieder einsteht; es bleibt also auch nach der Auslagerung ein Restrisiko für den Arbeitgeber. Andererseits hat sich daraus die historische Dominanz der sogenannten Direktzusage in der deutschen betrieblichen Altersvorsorge (bAV) ergeben. , Diese sieht vor, dass der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer die Rentenleistung bis an das Lebensende zahlt, ohne einen externen Träger einzubeziehen. Der klare Schnitt, der mit einer Auslagerung der Verpflichtung einhergeht, erfordert daher ein kulturelles Umdenken.
Durch den Pension Buy-out, wie er sich in den letzten ca. 10 Jahren entwickelt hat, ist nun eine attraktive Form der Auslagerung der Pensionsverpflichtung einschließlich sämtlicher verbundener Risiken sowie der Administration ohne Subsidiärhaftung möglich. Unternehmen entscheiden sich jedoch nicht leicht für diesen Schritt, da sie ihre ehemaligen Arbeitnehmer für Jahrzehnte einem übernehmenden Dienstleister anvertrauen. Es ist bei der Frage nach einem Risikotransfer also nicht nur wichtig, das passende Produkt oder die passende Lösung zu wählen, sondern auch einen langfristig vertrauenswürdiger Partner an der Seite zu haben
4. Als Aktuar: Welche weiteren Trends sollten wir Ihrer Meinung nach im Auge behalten?
Insbesondere im Hinblick auf Lebenserwartung und Invaliditätsrisiken, hat uns die jüngere Vergangenheit Entwicklungen beschert, die nicht abzusehen waren und deren Auswirkungen erst über einen längeren Zeitraum messbar sein werden.
Neben der Pandemie, die wohl für einige statistische Ausreißer in Bezug auf die Sterblichkeit gesorgt hat,, sind dies auch etwa die beobachtete starke Zunahme von psychischen Krankheiten, von Keim-Resistenzen gegenüber bestimmten Medikamenten. Hinzu kommen politische Entwicklungen wie ein möglicher signifikanter Rückgang der Förderung der medizinischen Forschung, der angesichts der derzeitigen politischen Großwetterlage, ausgehend von den USA, denkbar erscheint. Hinzu kommen regionale und sozioökonomische Unterschiede, die ein einheitliches Bild erschweren.
Aufgrund dieser Ereignisse und Gegebenheiten ist es einerseits kurzfristig schwieriger, Trends für die Zukunft aus den bestehenden Daten herauszulesen. Andererseits ergeben sich Ansatzpunkte, um differenzierter an das Thema heranzugehen.
5. Was hat Sie dazu bewogen, eine Tätigkeit bei VEDRA Pensions aufzunehmen? Und: was reizt Sie besonders an dieser Rolle?
In meiner vorherigen Position bei einem Big Four Unternehmen hatte ich das Privileg, VEDRA über mehrere Jahre im Rahmen verschiedener Pension Buy-out-Projekte als Dienstleister kennenzulernen Von Anfang an stimmte die Chemie im Umgang miteinander, was für mich eine entscheidende Rolle spielt.
Der Wechsel zu VEDRA bietet mir die attraktive Möglichkeit, den offensichtlich wachsenden Pension Buy-out Markt in Deutschland mitzugestalten und hierbei an der Seite von etablierten und erfahrenen Experten zu arbeiten. Dabei geht es mir nicht nur um nachhaltige Lösungen für den Markt, sondern auch den Aufbau und die Vertiefung strategischer Kooperationen sowie die Auseinandersetzung mit bestehenden und potenziellen regulatorischen Themen. Für mich als Aktuar sowohl fachlich als auch persönlich ein spannendes und vielseitiges Betätigungsfeld.