Fünf Fragen an…..

Goran Culjak, Finanzjournalist F.A.Z. BUSINESS Media

1. Goran, die 5. Asset Liability Convention ist vorbei. Was waren für dich die spannendsten Themen oder sogar Überraschungen? Gab es einen Moment, der dich besonders beeindruckt hat – positiv oder negativ?

Auf der ALC#5 standen für mich besonders drei Themen im Fokus: Erstens hat die intensive Debatte über die ganzheitliche Verzahnung von Asset- und Liability-Strategien im aktuellen Umfeld von Zins- und Marktvolatilität eine neue Qualität erreicht. Selten wurden Zielkonflikte zwischen Sicherheit, Rendite und Nachhaltigkeit so offen ausgetragen. Zweitens war der Schwerpunkt auf innovative Modelle wie LDI, insbesondere vor dem Hintergrund inflationärer Tendenzen und des Bedeutungsverlusts klassischer Staatsanleihen als „sichere Häfen“, ein echter Augenöffner. Hier wurde aus meiner Sicht deutlich, wie schnell sich derzeit die Paradigmen zur Kapitalanlage verschieben. Überraschend klar und prominent war schließlich die Diskussion über geopolitische Unsicherheiten und das Polykrisen-Szenario. Die Paneldiskussionen und Workshops zeigten, dass viele Investoren ihre Anlagestrategien zunehmend mit Blick auf globale Risiken, Cybersicherheit und politische Eingriffe neu ausrichten. Die Asset-Liability-Branche steht aus meiner Sicht an einem Wendepunkt.

2. Das neue bAV-Handbuch ist da. Welche Neuerungen oder Schwerpunkte fallen dir besonders auf? Siehst du darin eine Reaktion auf aktuelle Herausforderungen – und wenn ja, welche?

Das Buch „bAV 2025/26. Liabilities, Assets, Pensions – die drei Dimensionen der Betriebsrente“ setzt sich in acht Beiträgen mit der Verknüpfung von Zusagen, Kapitalanlage und Rentenleistungen auseinander. Ein bAV-Modell kann nur dann langfristig erfolgreich sein, wenn sich die drei Dimensionen und ihr Zusammenspiel in verschiedensten Szenarien bewähren. Für den Altersvorsorgesparer führt kein Weg an zusätzlicher kapitalgedeckter Vorsorge vorbei. Und jenseits aller globalen Unsicherheiten und aller Volatilität gibt es weiterhin verantwortungsvolle und engagierte Arbeitgeber, die ihre Beschäftigten langfristig halten wollen und ihnen deshalb gute Betriebsrentenangebote machen. Dabei werden die einzelnen bAV-Lösungen immer individueller auf den Bedarf des jeweiligen Geschäftskunden zugeschnitten. Dies umfasst sowohl die Gestaltung der Vergangenheit, also frühere Leistungszusagen, als auch die Zukunft, also neue Beitragszusagen. Zugleich zeigen die in diesem Buch vorgestellten Lösungen der Autorenteams, wie vielfältig sich das Planangebot inzwischen diversifizieren lässt.

3. Wie würdest du die aktuelle Stimmung in der bAV- und Altersvorsorgebranche beschreiben? Gibt es ein Thema, das gerade besonders kontrovers diskutiert wird? Gibt es ein ‚heißes Eisen‘, das gerade besonders hitzig diskutiert wird? Und wem oder welchem Trend würdest du jetzt spontan die ‚Rote Karte‘ zeigen?

Die Stimmung in der bAV- und Altersvorsorgebranche lässt sich als angespannt, aber durchaus aufbruchbereit beschreiben. Das vorherrschende Gefühl ist: Der Reformdruck steigt – politisch, wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich. Nach Jahren der Stagnation sehen viele Marktteilnehmer durch das „Zweite Betriebsrentenstärkungsgesetz“ (BRSG II), das Rentenpaket II und die Diskussion um mehr Kapitaldeckung neue Dynamik – aber auch Unsicherheit darüber, wie diese Impulse praktisch wirken werden. Ein regelrechtes „heißes Eisen“ ist die Debatte um Pflichtbeiträge zur privaten Altersvorsorge: Der Vorstoß aus der Politik, eine verpflichtende zusätzliche Kapitaldeckung zur gesetzlichen Rente einzuführen, spaltet die Branche. Parallel dazu werden die praktischen Hürden bei Riester, das  Dauerthema Transparenz und Haftungsfragen sowie die schleppende Umsetzung der digitalen Rentenübersicht weiterhin kritisch diskutiert.

4. Regulatorik: Chancen oder Risiken? Als Journalist verfolgst du die regulatorischen Entwicklungen genau. Welche Gesetzesvorhaben könnten die bAV-Landschaft in den nächsten 1–2 Jahren prägen? Siehst du eher Chancen – oder auch Risiken?

In den nächsten ein bis zwei Jahren wird die bAV-Landschaft vor allem durch das BRSG II geprägt sein, das sich derzeit im parlamentarischen Verfahren befindet und ab 2026 weitreichende Neuerungen mit sich bringen wird. Hervorzuheben sind insbesondere der breitere Zugang zum Sozialpartnermodell, flexiblere Portabilitätsregelungen für Anwartschaften, mehr Spielraum für renditestärkere Kapitalanlagen sowie gezielte Förderanreize für Geringverdiener. In Summe: Die regulatorischen Neuerungen bieten ohne Frage Chancen für Innovation, Verbreiterung und Rendite, bergen aber zugleich deutliche Risiken, insbesondere für KMU und bei der Umsetzung. Entscheidend ist deshalb ein praxisnaher und möglichst klar ausgestalteter Rechtsrahmen, der Raum für einfache, mutige Modelle und echte administrative Erleichterung lässt.

5. Last but not least: Buy-outs & Rentnergesellschaften – Wohin geht die Reise? Die Entwicklung der Pension Buy-outs bleibt ein Dauerthema. Wie bewertest du die aktuelle Dynamik? Siehst du eine Stabilisierung – oder neue Trends, die den Markt verändern?

Die Entwicklung von Pension Buy-outs und Rentnergesellschaften bleibt weiterhin äußerst dynamisch und ist eines der prägenden Trendthemen der bAV-Landschaft. Aufgrund der Höchststände bei Ausfinanzierungsgraden und der wirtschaftlichen Unsicherheit steigt das Interesse von Unternehmen, ihre Pensionsverpflichtungen auszulagern und ihre Bilanzrisiken gezielt zu verringern. Neben klassischen Lebensversicherern etablieren sich zunehmend unabhängige Rentnergesellschaften. Sie übernehmen die kompletten Pensionsverpflichtungen und sorgen mit Eigenkapital und strengen Governance-Strukturen für Sicherheit. Das ist ein wichtiger Themenkomplex für die dpn-Redaktion und unsere Leser.

Vielen Dank, Goran, wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit und weitere Markteinblicke!