Carsten Strube, Leiter Pensions beim Beratungsunternehmen Mercer
Im Oktober 2025 ist der jährliche Mercer CFA Institute Global Pension Index erschienen, der Rentensysteme weltweit vergleicht. Im Vergleich mit 52 Ländern liegt Deutschland dieses Jahr auf Platz 22 im Mittelfeld. Gerade im Punkt Nachhaltigkeit wird unser Rentensystem als verbesserungswürdig erachtet.
Wir sprechen mit Carsten Strube darüber, welche Stellschrauben er sieht, welche Rolle die betriebliche Altersversorgung in dem Konstrukt einnimmt und natürlich auch über die Zusammenarbeit zwischen VEDRA und Mercer im Bereich Pension Buy-out.
1. Wie lässt sich das Rentensystem in Deutschland widerstandsfähiger gegenüber dem demografischen Wandel zu machen?
Um das deutsche Rentensystem fit für den demografischen Wandel zu machen, zeigt die Mercer CFA Studie klar: Wir brauchen mehr Diversifikation in den Alterseinkünften, längere Lebensarbeitszeiten und vor allem eine stärkere Kapitaldeckung.
Die Ampel-Regierung hatte hier zumindest einen zaghaften Einstieg in die Kapitaldeckung der gesetzlichen Rente geplant, doch leider wurde dieses Thema mit dem Regierungswechsel verworfen. Stattdessen plant man Maßnahmen wie die Mütterrente oder das Aufrechterhalten des Rentenniveaus auch nach 2031. Das mag sozialpolitisch gut gemeint sein, ist aber aus den Gesichtspunkten Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit kurzsichtig. Ohne mehr Mut zu Reformen und einer besseren Verzahnung von gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge wird das System langfristig kaum widerstandsfähiger. Kurz gesagt: Wir brauchen mehr Innovation und weniger Flickwerk, um den demografischen Herausforderungen wirklich zu begegnen.
2. Im Bereich der betrieblichen Altersversorgung sind für Unternehmen natürlich auch die Pensionsrisiken zu sehen. Die Nachfrage nach De-Risking-Strategien und -Lösungen nimmt zu. Wie gestaltet sich für Unternehmen derzeit das Umfeld für De-Risking?
Die Ausgangslage für De-Risking ist meines Erachtens günstig. Unsere jüngste Studie zu den Pensionsvermögen in Deutschland zeigt einen Rekordwert von rund 80% Ausfinanzierungsgrad im DAX 40. Das positive Kapitalmarktumfeld der letzten Jahre und Mittelzuflüsse haben die Vermögen ansteigen lassen, während die Verpflichtungen mit dem Ende der Niedrigzinsphase gesunken sind. Hohe Funding Ratios ermöglichen es, Maßnahmen zum De-Risking oder gar zur nachhaltigen Enthaftung der Pensionen zu ergreifen.
Pension-De-Risking ist dabei immer ein Dreisprung: Erstens, Übersicht über die Verpflichtungen schaffen. Beispielsweise mit einer Langfristprognose vom Aktuar. Zweitens, geeignete Mittel für die Finanzierung der Verpflichtungen aufbauen und reservieren. Drittens, Mittel in einer passenden Strategie einsetzen. Das kann in eigener Steuerung im CTA, durch Übertragung auf einen Pensionsfonds oder durch Abschluss von Versicherungen in einem sogenannten Buy-in erfolgen. Oder eben in der weitestgehenden Lösung dem Pension Buy-out – durch die Veräußerung der Verpflichtungen.
3. Pension Buy-outs und Rentnergesellschaften gewinnen immer mehr an Bedeutung. Welche Vor- und Nachteile siehst Du in diesen Modellen – und für welche Unternehmen lohnt sich der Schritt besonders?
Die Vorteile liegen auf der Hand: Unternehmen übertragen die bilanziellen und rechtlichen Risiken der bAV auf den Erwerber. Die Steuerung des Versorgungswerks hinsichtlich Kapitalanlage, Liquidität und Administration entfällt. Insbesondere die Rentneradministration passt oftmals nicht mehr in die Abläufe digitalisierter und verschlankter Personalabteilungen. Spezialisierte Anbieter können zudem Skalenvorteile in Kapitalanlage und Administration erzielen, welche dem einzelnen Unternehmen verwehrt bleiben.
Die Nachteile sind meines Erachtens überschau- und kontrollierbar. Unternehmen verlieren durch die Abgabe von Kopfzahlen in der Administration und durch den Abfluss von Aktiva Volumen, die ihnen Skaleneffekte und damit Kostenvorteile an anderer Stelle geben. In der Praxis dürften die Erleichterungen in Administration und Steuerung der Kapitalanlage diese Nachteile überkompensieren. Manchmal wollen Unternehmen auch die Chancen auf Überrenditen aus den Pensionsvermögen nicht aus der Hand geben, doch welches Unternehmen will schon mit seinen Pensionsvermögen spekulieren. Weiterhin geben Unternehmen durch den Verkauf die Kontrolle über die Steuerung des Versorgungswerkes ab, während das Umwandlungsrecht eine Nachhaftung von zehn Jahren vorsieht.
Wichtig ist daher eine sorgfältige Gestaltung und eine klare Governance, um diese Risiken zu steuern. Kaufvertragliche Regelungen, Treuhand-Konstrukte und die Bereitstellung von Eigenkapital seitens des Erwerbers helfen wirksam dabei, mit diesen vermeintlichen Nachteilen umzugehen. So wird der Buy-out zu einem sinnvollen Instrument im Pensions-De-Risking.
Ein Buy-out bedeutet ja eben nicht das Ende der bAV in einem Unternehmen. Der Buy-out ermöglicht es den Unternehmen, sich auf das Angebot und die Steuerung der bAV für aktuelle und künftige Beschäftigte zu konzentrieren und die knappen Ressourcen nicht auf die Vergangenheit zu konzentrieren. Das funktioniert nur dann, wenn ein Buy-out nachhaltig und ohne Nachteile für die Versorgungsberechtigten vollzogen wird. Wird im Buy-out Vertrauen verspielt, so wird dies auch negativ auf die aktuellen Versorgungswerke ausstrahlen. Robuste und durchdachte Umsetzungen und eine starke Governance sind daher unverzichtbar.
4. International sind Pension Buy-outs längst etabliert. Welche Lehren kann der deutsche Markt aus den Erfahrungen in den USA oder Großbritannien ziehen – und wo liegen die größten Unterschiede in Risiken und Chancen?
Der deutsche Pension-Buy-out-Markt kann von den Erfahrungen der USA und Großbritanniens profitieren – insbesondere, wenn es um die Bedeutung robuster Governance-Strukturen und effizienter Abwicklungsprozesse geht. Nur so lassen sich Transaktionen wirtschaftlich sinnvoll, sicher und nachhaltig gestalten.
Während Buy-outs in den angelsächsischen Märkten bereits fest etabliert sind und durch ein breites Angebot spezialisierter Erwerber sowie Kapitalmarktinstrumente unterstützt werden, steht Deutschland noch am Beginn einer spannenden Entwicklung. Dies eröffnet Raum für Innovation und Marktwachstum.
Ein zentraler Unterschied liegt im Profil der Pensionsverpflichtungen: In Deutschland sind die Vielfalt und Komplexität der Versorgungswerke deutlich höher, was eine besonders sorgfältige Risikobewertung und -steuerung erfordert. Gleichzeitig schafft die demografische Entwicklung in Kombination mit dem wachsenden Druck auf Unternehmen, „alte“ Pensionsverpflichtungen abzubauen, ein großes Potenzial für Buy-outs. Sie können so zu einem strategischen Instrument für die Bilanzbereinigung und ein nachhaltiges De-Risking werden.
5. Es wurde nun bekannt, dass Mercer & VEDRA in Zukunft zusammenarbeiten, um Unternehmen mit Pensionsverpflichtungen in Deutschland bei der Umsetzung von Pension Buy-outs zu unterstützen. Was gab den Ausschlag, hier mit VEDRA Pensions zusammen zu arbeiten?
Wir haben VEDRA und die handelnden Personen durch die Zusammenarbeit in einzelnen Projekten kennen und schätzen gelernt. Von allen Anbietern, mit denen wir gesprochen oder zusammengearbeitet haben, lassen sich meines Erachtens mit VEDRA unsere Überzeugungen an eine robuste Ausgestaltung und starke Governance des Buy-outs am besten umsetzen. Dies möchte ich in den folgenden Punkten beschreiben:
VEDRA ist mit den Übernahmen der Rentnerbestände von AEG-Telefunken Nachrichtentechnik und Ceconomy ein Pionier im Bereich des deutschen Pension Buy-outs. Diese Übernahmen werden nun seit nahezu 10 Jahren sicher durch teilweise raue See mit Corona-Pandemie, Ukraine-Krise und hohen Anpassungen durch Inflationsanstiege bewegt. Bei Ceconomy waren wir als Aktuar beteiligt und schauen daher schon länger zu. Das schafft Vertrauen.
Darüber hinaus werden die im Rahmen der Transaktion übernommenen Mittel durch VEDRA in eine externe Treuhand eingebracht. Im Rahmen unserer Zusammenarbeit steht dafür unter anderem die Mercer Treuhand zur Verfügung. Für den Veräußerer wird damit ein Sicherheitsnetz eingezogen, denn der externe Treuhänder stellt sicher, dass Mittel nur im Einklang mit dem Treuhandvertrag entnommen werden, welcher die kaufvertraglichen Zusagen gegenüber dem Veräußerer berücksichtigt.
Zudem validieren VEDRA und Mercer unabhängig voneinander die Annahmen der Kapitalanlage. Beide Ergebnisse werden dem Veräußerer offengelegt und dieser bekommt zusätzliche Informationen für seine Risikobeurteilung.
Ein entscheidender Faktor für die Zusammenarbeit war außerdem die Tatsache, dass VEDRA echtes Eigenkapital in die Transaktionen einbringt. Damit wird das Konstrukt erheblich robuster gegen Kapitalmarktschwankungen, hohe Inflation und damit verbundene Rentensteigerungen. Durch das „Skin in the Game“ wird zudem der Gleichlauf der Interessen von abgebenden Unternehmen und Erwerber erhöht.
Last but not least, passen die Grundüberzeugungen an robuste Gestaltung, Governance und Kapitalmärkte von VEDRA und Mercer gut zueinander. Im Team haben wir in den gemeinsamen Projekten hart gearbeitet und kreativ um Lösungen im Sinne der Veräußerer gerungen. Die Freude an der Zusammenarbeit ist dabei nicht zu kurz kommen!