Fünf Fragen an…..

Betriebliche Altersversorgung 2026: Warum KMU jetzt strategisch handeln müssen

VEDRA Pensions im Gespräch mit Cordula Vis-Paulus, bAV-Expertin und Initiatorin des German Equal Pension Symposium

Die betriebliche Altersversorgung (bAV) steht an einem Wendepunkt – besonders für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Während Großkonzerne mit historischen Altzusagen und komplexen Transformationsprozessen kämpfen, haben KMU die Chance, innovative und zielgruppengerechte Lösungen zu gestalten. Doch wie lässt sich die bAV in KMU nicht nur implementieren, sondern auch als strategischer Hebel für Mitarbeiterbindung und soziale Verantwortung nutzen? Cordula Vis-Paulus, gefragte Expertin auf der Handelsblatt-Jahrestagung bAV 2025, gibt Einblicke in die drängendsten Fragen – und zeigt auf, warum die bAV 2026 mehr sein muss als ein reines Compliance-Thema.

1. Ist die bAV in KMU dieselbe wie in traditionellen großen Unternehmen? Wenn nein,  warum ist der Unterschied entscheidend?

Ich denke, nein! Konzerne haben oft einen riesigen Altbestand an Zusagen. Die gilt es zu finanzieren und in geltendes Recht zu überführen, zwischen Risiko und Performanceerwartungen. D.h. die bAV in Konzernen ist oft geprägt von historischen Altlasten: komplexe Zusagen, die in modernes Recht überführt, finanziert und risikogerecht gesteuert werden müssen. Hier geht es meiner Erfahrung nach um die Balance zwischen Renditeerwartungen, regulatorischen Vorgaben und der Fairness gegenüber neuen Mitarbeitern, die auf attraktivere Altzusagen schielen.

KMU hingegen haben keine solchen Altlasten – sie können agil und bedarfsgerecht starten, sozusagen „auf der grünen Wiese“. Die Direktversicherung als Einstiegslösung entlastet die Liquidität und ermöglicht es der Geschäftsführung, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: maßgeschneiderte Zusagen, die den Wünschen junger Talente entsprechen. Ohne Tarifverträge oder Betriebsräte als Bremsklötze: All you can Pension & Benefits!

Wenn wir in Deutschland über „DIE bAV“ sprechen, sprechen wir meist 1. über die Altbestände von Konzernen und deren Manövrierfähigkeit und 2. über bAV in KMU die gar nicht existiert, nämlich über fehlende bAV-Angebote und fehlende Nutzer in KMU.

Was ergibt sich also daraus?

  • Lasst uns Flexibilität nutzen: Keine „One-Size-Fits-All“-Lösungen, sondern modulare Modelle (z. B. Matchingbeiträge, Geringverdienerförderung).
  • Nicht zu vergessen: Employer Branding Eine moderne bAV signalisiert „Wir investieren in deine Zukunft“ das ist ein entscheidender aber oft unterschätzter Faktor im War for Talent.
  • Was KMU wichtig ist: Smarte Handhabung, keine Haftung!
  • Was Mitarbeitenden wichtig ist: Automatische Einbindung, gute und verständliche Verträge, persönlicher Ansprechpartner bei Fragen, Vererbbarkeit und problemlose Weiterführung beim nächsten Arbeitgeber. Für die ETF-Affinen der GenZ sind es der Überblick à la Trade Republic und transparente –geringe – Kosten.

2. Du erwähnst immer da ist der blinde Fleck: Warum ist es so essenziell über die Rentenlücke zu sprechen ?

Meiner Meinung nach muss die eigentliche Diskussion sich auf drei Kernfragen konzentrieren
Nämlich:

  1. Wie hoch ist die individuelle Rentenlücke? (Spoiler: Bei unter 3.500 € Brutto ist sie existenzbedrohend.)
  2. Wie viel muss monatlich eingezahlt werden, um diese Lücke zu schließen? (Hier fehlen oft realistische Berechnungen – selbst in Beratungen.)
  3. Wie robust sind die Annahmen? (Was passiert bei Einzahlungsstopp, Marktcrashs oder Teilzeitphasen?)


Es geht hier also nicht um die bAV an sich, es geht um die Lücke, die sie schließen soll. Dafür gibt es folgende Möglichkeiten:

  • Transparenz schaffen: Tools wie Rentenlücken-Rechner (z. B. von der Deutschen Rentenversicherung oder dem Institut für Vorsorge und Finanzplanung) müssen in die bAV-Beratung integriert werden.
  • Risikoaufklärung: Mitarbeiter müssen verstehen, dass ein ETF-Sparplan kein Ersatz für eine bAV ist – besonders nicht im Alter, wenn Stabilität über Renditechancen steht.
  • Zielgruppenfokus: Teilzeitkräfte, Geringverdiener und Frauen (Stichwort: Gender Pension Gap) brauchen automatische Enrollment-Modelle (Opt-Out statt Opt-In) und Arbeitgeberzuschüsse, die nicht an Vollzeit geknüpft sind.


Meine Provokante These ist, wer heute noch diskutiert, ob die bAV sinnvoll ist, hat den gesetzgeberischen Auftrag von 2002 nicht verstanden: Die bAV soll das sinkende Rentenniveau ausgleichen – nicht zur Disposition stehen. Die eigentliche Frage ist: Wie machen wir sie für alle zugänglich?


3. Wer bleibt auf der Strecke? Was sind die unsichtbaren Risikogruppen, wie erlebst Du das in Deinem Beratungsalltag auf wen müssen wir besonders achten?

Wir müssen auf alle achten, die aufgrund ihrer Einkommenssituation heute später eine Rente unterhalb der Armutsgrenze erwartet. Dabei lassen sich, wenn man die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zusammensetzt – einige Kriterien herauspuzzeln:

  • Teilzeitkräfte (10,8 Mio.): „99 %“ verdienen unter 3.500 € – besonders betroffen: Mütter und junge Frauen.
  • Typische Frauenberufe (Pflege, Einzelhandel) und Migrant:innen haben selten Zugang zu Finanzbildung oder Lobbying.
  • Mitarbeiter in kleinen und Kleinstunternehmen: Häufig keine bAV-Angebote, obwohl sie am dringendsten Schutz bräuchten.


Wir sprechen also über Mitarbeitende, die einen eher unterdurchschnittlichen Zugang zu Finanzbildung haben, die weder die Risiken noch die Möglichkeiten kennen und selten über eine Lobby verfügen, die sich für sie verwenden würde.

Dabei gibt es schon viel diskutierte Lösungsansätze:

  • Automatische Teilnahme: Opt-Out-Modelle erhöhen die Abdeckung um bis zu 40 % (Studien der OECD).
  • Geringverdienerförderung: Arbeitgeberbeiträge, die unabhängig von der Höhe des Bruttogehaltes gewährt werden. (§ 100 EstG)
  • Kommunikation auf Augenhöhe: „Was passiert mit deiner Rente, wenn du Teilzeit arbeitest?“ – solche Fragen müssen proaktiv gestellt werden.“

4. Was ist die Zielsetzung des German Equal Pension Awards? Die Bewerbungsfrist, was will der German Equal Pension Award 2026?

Der GEPS Award 2026 will ein Signal setzen: Rente interessiert die Menschen. Die jungen Menschen! Wer für die Rente streitet, der will Lösungen! Wer Lösungen will, kommt nicht an der bAV vorbei – wenn sie richtig gemacht ist. Richtig ist inklusiv und angemessen.

Der GEPS Award will ein Signal senden und Unternehmen zeigen, Vorbilder zeigen, die diese Signale bereits erfolgreich setzen.

Ich weiß von den Mitarbeitern meiner Kunden, dass sie das Angebot und die Gestaltung der betrieblichen Altersvorsorge als Signal für den Umgang mit den Mitarbeitern einordnen.

Ein Unternehmen, das sich für die Rente, die Gesundheit, die finanzielle Resilienz der Mitarbeiter einsetzt, sendet Signale:

„Hier wirst Du gesehen“, „Wir passen auf dich auf“, „Wir lassen dich nicht im Stich“

Darauf vertrauen Mitarbeiter und bauen ihre Familien, ihre Existenzen. Das Ergebnis ist Mitarbeiterbindung.

Was ich gelernt habe: Nicht die bAV macht ein Unternehmen zu einem guten Arbeitgeber. Sondern: Ein guter Arbeitgeber hat immer auch eine gute bAV! Das hat sich bei manchen Arbeitgebern über die Jahre aufeinander zu entwickelt.

Wir als Branche setzen mit dem German Equal Pension Symposium®  ein besonderes Signal: Mit dem German Equal Pension Award® 2026 werden Unternehmen ausgezeichnet, die Verantwortung übernehmen.

Verantwortung für Mitarbeiter,

  • denen es aus eigener Kraft nicht oder nur schwer möglich wäre, die Rentenlücke durch geeignete Altersvorsorge zu verringern.
  • weil sie für Information sorgen: Was ist mit Deinen Finanzen wenn Du mal nicht mehr arbeiten wirst? Was passiert mit der Altersvorsorge, wenn Du sie reduzierst?, Was passiert mit Deiner Rente, wenn Du auf Teilzeit umsteigst?, Wie kannst Du das verhindern?
  • weil sie ihnen finanziell unter die Arme greifen: Den Arbeitgeberbeitrag unabhängig von der Stundenanzahl gewähren.
  • weil sie Geringverdienerförderung anbieten. Matchingmodelle, die auch  die Einkommensverhältnisse der Schwächsten berücksichtigen.
  • durch Einbeziehung: Auromatic Enrollment und Opt Out anstelle das schwer zu überwindende Opt In.
  • durch Aktion: Empfängergerechte, proaktive und zugewandte Kommunikation.
  • indem sie in ihren Konzepten bewusst die Teilzeitmitarbeitenden und die Geringverdiener, die Randgruppen mitdenken und ihnen Lösungen ermöglichen.


Der GERMAN EQUAL PENSION AWARD® macht verantwortungsvolle Unternehmen sichtbar. Vorbild durch Haltung.

Bewerben können sich alle in Deutschland ansässigen Unternehmen ab sofort: https://forms.gle/Y7CGN3anNtgQmFeW7

Mehr dazu: Handelsblatt online(German Equal Pension Symposium®: Altersvorsorge-Award) und auf www.GermanEqualPensionSymposium.de

5. Wenn Du alles auf einen Punkt bringen müssest – was wäre Dein Fazit?

Mein Fazit wäre, ungeachtet der Unternehmensgröße muss, die bAV selbstverständlicher Teil des betrieblichen Comp & Benefitskonzeptes sein. Auf persönlicher Ebene muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die drei Schichten der Altersvorsorge nicht gegeneinander konkurrieren, sondern sich sinnvoll ergänzen.

Die bAV 2026 ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument der sozialen Nachhaltigkeit – für Unternehmen, die langfristig denken. Alle Unternehmen vom KMU bis hin zum alteingesessenen Konzern haben die Chance, agil, inklusiv und zielgerichtet zu handeln. Die Frage ist nicht ob, sondern wie sie diese Chancen nutzen.

Vielen lieben Dank für das Gespräch!