Fünf Fragen an…..

Anke Dembowski, Finanzjournalistin

Wenn du auf deine Jahre als Finanzjournalistin zurückblickst: Welche Entwicklungen oder Geschichten haben dich besonders fasziniert und warum sind sie dir im Gedächtnis geblieben? Oder gab es Themen, die dich besonders geärgert haben?

Was mich geärgert hat, war die Ausgestaltung von Riester-Verträgen. So kleine Summen, so komplex, so zugenagelt! Ärgerlich war dann auch, dass erneut Provisionen anfallen, wenn das Vermögen vom Asset Manager zum Versicherer herüberwandert, obwohl bei diesem Übergang keinerlei Vertriebsbemühungen notwendig sind – schließlich geht das automatisch.

Was mich immer sehr gefreut hat, war das Treffen der Wirtschafts-Nobelpreisträger, das alle drei Jahre in Lindau stattfindet. Dort kommen nicht nur rund 20 der noch lebenden Nobelpreisträger, sondern auch viele Nachwuchswissenschaftler und andere interessante Menschen zusammen. Mir gefällt dabei die Bandbreite an Themen, die es in den Wirtschaftswissenschaften gibt – von Arbeitsmarkt über Kapitalmarkt bis Ökonometrie. Die Stimmung auf der Veranstaltung ist einzigartig – zum Schluss darf man mit den Laureaten und den Nachwuchswissenschaftlern auf der Insel Mainau picknicken.

Welche Trends siehst du gerade als besonders prägend und wo könnte es für die Branche in den nächsten Jahren noch ‚dick kommen‘?

Der ESG-Trend ist derzeit am Abebben, obwohl er uns Journalisten und insgesamt dem Markt als „kein Trend, sondern das neue Normal“ verkauft wurde. Mit Dingen, die angeblich kein Trend sind (der dann auch wieder vorbeigeht), sollte man aus meiner Sicht vorsichtig sein. Ich arbeite seit 1989 in der Finanzbranche und habe viele Trends kommen und gehen sehen. Das 1. große Ding in meiner Laufbahn war die Blase der Aktienmärkte in Japan und der „Asiatischen Drachen“. Damals wurden viele Asien- und Japan-Fonds aufgelegt und an Investoren verkauft. Die extrem hohen Bewertungen wurden in dieser Zeit einfach mit „Japan is different“ abgetan. So anders war Japan dann aber leider doch nicht, und der Markt implodierte. Er fiel auf normale Bewertungs-Kennzahlen zurück und verharrte für mehrere Jahrzehnte in diesem Tal.

Auch die Dot-Com-Blase ist sicherlich vielen noch in Erinnerung. Klar, das Internet und die Digitalisierung sind geblieben, aber den Neuen Markt gibt es nicht mehr, ebenso wenig die Produkte, die auf ihn geformt wurden.

Dann kam der Nachhaltigkeits-Hype. Es ist ja wirklich nichts Schlechtes daran, nachhaltig zu agieren und entsprechend zu investieren. Aber der EU-Gesetzgeber hat versucht, Nachhaltigkeits- und Gerechtigkeits-Themen in äußerst komplexe Definitions-Gebilde zu packen. Das hat dazu geführt, dass das Thema unglaublich viel Brain-Power absorbiert hat – sei es im Reporting, in der Etablierung von Datenbanken oder in den Rechtsabteilungen der Asset Manager und der institutionellen Investoren. Ich glaube schon, dass die ESG-Welle das Bewusstsein der Menschen ein wenig verändert hat, aber letztlich ist es um den Planeten nicht viel besser bestellt als vorher, und friedlicher ist die Welt auch nicht. Der ganze Markt war so beschäftigt mit den Nachhaltigkeits-Thematiken, dass es über fast eine ganze Dekade kaum echte Innovationen am Finanzmarkt gab.


Wieso? Welche Themen fehlen dir denn?

Beispielsweise gibt es keine guten Konzepte für die Auszahlphase – weder von den Versicherern noch von den Asset Managern. Bis Ende der 2030er Jahre werden in Deutschland 15 Millionen Babyboomer in Rente gehen. Wer sagt diesen Menschen, wie sie ihr Vermögen über die nächsten 25 Jahre, die sie voraussichtlich noch leben werden, angemessen verzehren sollen? Versicherer und Pensionskassen bieten Konzepte mit Renditen an, die teilweise unterhalb der Inflationsrate liegen. Wer will schon mit einem Rentenfaktor von 3 bis 4 Prozent sein Renten-Dasein fristen? Auch Asset Manager bedienen den Markt nicht mit renditeträchtigeren Lösungen, die speziell für die Verzehrphase geeignet sind. Ja sicher, es gibt Life-Cycle-Fonds, die dann zum Rentenbeginn eine Aktienquote von 0 % haben. Das ist doch nicht angemessen!

Rentner sollen auf der einen Seite nicht mit Mini-Renditen abgespeist werden, und auf der anderen Seite sollte man sie auch nicht sich selbst überlassen. Klar benötigt es viele Überlegungen, wie man die Umschichtungsphase und die dann folgende Auszahlphase organisiert, aber die Branche hat ja viel Brain Power. Möglicherweise ist diese allerdings zu sehr mit Nachhaltigkeits-Themen und dem immer breiter werdenden Reporting-Anforderungen gebunden. Als Journalistin würde ich gerne mal über richtig gute Konzepte für die Auszahlphase berichten. Bislang finde ich aber leider keine!

Du beschäftigst Dich auch mit deiner eigenen Auszahlphase?

Ja, ich ziehe demnächst um – von einem Haus auf eine seegängige Yacht. Dort werde ich auch arbeiten, aber weniger. Daher musste ich mir Gedanken um meine eigene Altersversorgung machen und habe einige Berechnungen angestellt. Am Markt schaute ich mich nach guten Lösungen um, habe aber leider keine gefunden. Nun muss ich das selbst in die Hand nehmen.

Du coverst in der letzten Zeit auch verstärkt Regulierungsthemen. Welche Trends siehst Du hier?

Die Regulierung zielt darauf ab, dass die Versicherer solvent und die Kapitalanlagen sicher sind. Jedes Stück Sicherheit kostet aber Rendite, darüber sollte sich auch der Regulator im Klaren sein. Warum ein Ansparprozess, der 30 Jahre oder länger dauert, völlig ohne Auf und Ab vonstattengehen soll, habe ich noch nie verstanden. Wenn am Ende des Tages ein doppelter oder dreimal so hoher Betrag da steht, wird das in jedem Fall für höhere Renten sorgen. In unserer Branche sollte man ja den enormen Effekt des Zinseszinses – insbesondere über lange Zeiträume – kennen.

Dass die Regulatoren über DORA, VAIT und andere Regelungen die IT- und Systemsicherheit der Unternehmen erhöhen wollen, dafür habe ich Verständnis. Das macht zwar viel Arbeit in den Unternehmen, aber eine Cyber-Attacke kann ein hohes Schadenspotenzial haben – sowohl für das einzelne Unternehmen als auch für die Funktionsfähigkeit des gesamten Finanzsystems. Solche Themen sind nicht nur für die Unternehmen komplex umzusetzen, sondern auch für uns Journalisten schwer zu beschreiben, insbesondere wenn man auch darüber berichten möchte, was das im Einzelnen für die handelnden Personen bedeutet.

Die Regulatorik zielt in letzter Zeit auch sehr darauf ab, dass viel zu „reporten“ ist. Ich habe nichts gegen Transparenz, aber in der Praxis lässt sich in einem 200-seitigen Dokument sich viel mehr Käse verstecken als in einem knackigen 20-Seiter. Die relevanten Dinge transparent darzustellen, halte ich für wichtig, aber nicht jedes Kinkerlitzchen. Wer will das alles lesen?

Es ist doch bezeichnend, dass die großen Profiteure der umfangreichen Regulierung die Daten-Provider, Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften und Zertifizierer sind. Denen verschaffen die Regulatoren ein äußerst profitables Umfeld, denn ohne sie geht nichts mehr. Aber die Unternehmen, die wirklich Produkte herstellen, die am Weltmarkt verkauft werden können, die tun sich schwer, gute Margen zu erzielen.

Fondsfrauen: Dein zweites „Steckenpferd“ sind die ‚Fondsfrauen‘: Welche Themen beschäftigen diese Gruppe aktuell am meisten? Gibt es überraschende Entwicklungen oder blinde Flecken?

Die Fondsfrauen sind das führende deutschsprachige Karrierenetzwerk zur Förderung und Gleichstellung von Frauen in der Finanzindustrie. Es gibt immer noch einen Pay Gap. Auf Finanz-Konferenzen sind viel mehr Männer zu sehen als Frauen, und in den Führungsetagen der Finanz- und Versicherungsunternehmen sehe ich ebenfalls deutlich weniger Frauen als Männer. Dabei sind die Expertinnen, die ich interviewe, regelmäßig top. Das zeigt, dass es bei der Gleichbehandlung evtl. durch Gleichberechtigung oder Gleichstellung noch Luft nach oben gibt und wir etwas tun müssen, um beiden Geschlechtern gleiche Entwicklungs-Chancen zu bieten. Und zwar nicht nur aus dem Gerechtigkeits-Gedanken heraus, sondern auch aus Unternehmenssicht. Studien weisen darauf hin, dass diverse Teams kreativer sind und in Summe besser performen. Und auch die Männer haben etwas davon, wenn ihre Frauen ebenfalls zum Familieneinkommen beitragen und der soziale Status nicht allein auf ihren Schultern ruht.

bAV: Jetzt der Brückenschlag zur betrieblichen Altersvorsorge: Was läuft aus deiner Beobachtung gut und wo siehst du (kritischen) Handlungsbedarf? Du sprichst ja mit vielen unterschiedlichen Marktteilnehmern, wie ist die Stimmung?

Ich spreche mit vielen Marktteilnehmern, die am liebsten einfach nur einen guten Job machen und eine ordentliche Rendite abliefern wollen. Aber sie werden beschäftigt gehalten mit vielen Dingen, die nicht zur Performance der Assets und zur Sicherstellung guter Rentenzahlungen beitragen. Einige sind frustriert, angesichts der Bürokratie und der hohen Reporting-Anforderungen.

Unterfrage: Sind die ‚Fondsfrauen‘ selbst eigentlich alle gut abgesichert oder gibt’s auch bei den Expertinnen noch Luft nach oben?

Einige schon, aber längst nicht alle! Das ist vermutlich wie mit den Schustern, die oft die schlechtesten Schuhe haben. Wir hatten neulich ein Webinar dazu, wie man seine persönliche Altersvorsorge gestalten kann. Ich war überrascht, wie groß das Interesse daran war, wo man ja denken könnte, jede in der Branche hat das für sich selbst längst gelöst.

Rentnergesellschaft: Realität vs. Erwartungen

Du begleitest das Thema ‚Rentnergesellschaft‘ zumindest mit mir seit etwas mehr als vier Jahren. Läuft die Entwicklung so, wie du es erwartet hättest oder gibt es Überraschungen in der Marktentwicklung?

Es ist natürlich jetzt – im Nachhinein – leicht zu sagen, dass ich die Entwicklung vorausgesehen habe. Aber angesichts des Konsolidierungs-Drucks in der Branche macht es Sinn, dass (allzu kleine) Einheiten ihre Rentner-Bestände an größere Einheiten abgeben. So lassen sich Skaleneffekte erzielen. Für kleine Einheiten wird es immer schwieriger, die hohen Regulierungs-Anforderungen zu erfüllen. Das ist schade, denn die kleinen Einheiten haben in der Vergangenheit ja meistens gut gearbeitet. Den Konsolidierungs-Druck sieht man übrigens nicht nur bei Pensionskassen & Co., sondern auch bei Asset Managern und Banken; und zuletzt hört man auch, dass es in Deutschland zu viele gesetzliche Krankenkassen gibt. Ob größere Einheiten dann für die Endkunden immer angenehmer im Umgang sind, das kann ich auch nicht sagen. Aber zumindest haben sie genügend Personal, um die ganzen regulatorischen Anforderungen ordentlich erfüllen zu können.